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„Ich habe mir gar nie Gedanken darüber gemacht, wie es wäre, nicht in eine Mittelschule zu gehen“, versucht Nicole, sich zu erinnern.
In ihrer Kindheit sprach Nicole Schwyzer Englisch, Französisch und später Deutsch und Schweizerdeutsch. Als Kind wollte sie Kaminfeger oder Clown werden, arbeitete dann aber während und nach dem Studium als Journalistin, Medienverantwortliche, Regie- und Dramaturgieassistentin, in einem Buchladen und einem Kulturbetrieb.
Die ersten drei Jahre ihres Lebens hat Nicole Schwyzer in North Carolina in den USA verbracht, wo ihr Vater, ein Schweizer, als Biochemiker arbeitete. Danach zog die Familie in die Schweiz, zuerst nach Genf, sechs Jahre später nach Dübendorf. So kam es, dass Nicole, als mittlere von drei Töchtern, sich schon als Kind mit vielen verschiedenen Sprachen auseinandersetzen musste. „Hochdeutsch und Schweizerdeutsch habe ich gleichzeitig gelernt, es war das erste Mal, dass ich bewusst eine Sprache lernte und merkte, dass es möglich ist, dass mich Leute nicht verstehen“, erklärt Nicole schmunzelnd. Ihre Mutter ist Dänin, hat sich aber der Schweizer Kultur sehr angepasst, um ihre Kinder nicht noch einmal mit einer anderen Sprache und Kultur zu überfordern.
„In Amerika wollten alle Kinder im Quartier Müllmann werden, ich beschloss, dass ich auch dreckig werden wollte, entschied mich aber für Kaminfeger.“ Später war Sängerin auf Platz eins ihrer Berufswunschliste. „Wir sangen den Reisenden im Zug immer vor“, lacht Nicole fröhlich. Eine Zeitlang mochte Nicole die Vorstellung, dass die Leute über sie lachen und wollte Clown werden. Um ihre Sorge zu zerstreuen, es gebe keine Frauen im Clown-Kostüm, nahm ihr Vater sie regelmässig zu Vorstellungen mit, wo Frauen mit roten Nasen und übergrossen Schuhen auftraten. Ihre Mutter hingegen prophezeite, dass sie Psychologin werden würde, da sie sich schon sehr früh für Menschen und deren Probleme interessierte.
„Ich habe mir gar nie Gedanken darüber gemacht, wie es wäre, nicht in eine Mittelschule zu gehen“, versucht Nicole sich zu erinnern.
Während der Mittelschulzeit gefiel es ihr im Biologieunterricht ganz besonders, weil der Lehrer immer zum Weiterdenken anregte. Während ihre Mitschüler sich ärgerten, dass sie nicht wussten, was sie auf eine Prüfung lernen sollten, schätzte die nachdenkliche Schülerin dies und dachte oft darüber nach, was mit unserer Welt passieren könnte. Der Mathelehrer schreckte sie hingegen ab. „Wir mochten uns einfach nicht“, wundert sich Nicole, die Mathematik an sich spannend fand. Sie fühlte sich vom Lehrer ungerecht behandelt, der schwierige Aufgaben verteilte und dem Schüler eine Tafel Schokolade versprach, der sie löste. „Ich habe die Aufgaben immer gelöst und trotzdem nichts bekommen.“ Da sie an Prüfungen viele Flüchtigkeitsfehler beging, hatte sie regelmässig schlechte Noten. „Ich habe auch mal eine Prüfung vor den Augen des Lehrers zerrissen“, gibt Nicole zu.
Die Mittelschulzeit gab ihr auch die Möglichkeit die Kultur ihrer Mutter kennen zu lernen: Mit sechzehn Jahren ging die abenteuerlustige und weltoffene Schülerin für ein Jahr nach Dänemark. „In Dänemark sagen sich alle du und das Verhältnis zu den Lehrern war sehr locker“, schwärmt Nicole.
Was ihr an ihrer Schule sehr gefallen hat, war der Theaterfreikurs, den ihre Geografielehrerin zusammen mit einem Regisseur angeboten hat. Im Theaterspielen fand die Perfektionistin ihre grosse Leidenschaft und wollte unbedingt Schauspielerin werden. Die Aufnahmeprüfungen für die Theaterschulen in Bern und Zürich fanden am gleichen Tag statt, wie ihre Maturaprüfungen. Umso grösser war der Schock für die Schülerin, der immer alles auf Anhieb gelang, als sie die Aufnahmeprüfung nicht bestand. „Ich hatte nie gelernt zu kämpfen und gab sofort auf.“ Zunächst eher aus Verlegenheit, dann aber mit wachsender Begeisterung, begann die Sprachbegabte Germanistik zu studieren. Nebenbei schrieb sie für den Kulturteil einer regionalen Zeitung.
Während des Studiums lernte sie jemanden kennen, der sie fragte, ob sie bei einem Regionalfernsehsender mitmachen möchte. Nicole war sofort begeistert. „Unsere Arbeit war zwar nicht gerade professionell, aber wir lernten viel und es machte wahnsinnig Spass.“ Als die Konkurrenz „Telezüri“ auftrat, wurden viele Regionalfernsehsender zusammengeschlossen. „Wir wurden in unserer Arbeit zurückgestuft und hatten keine Narrenfreiheit mehr.“ Für Nicole war dies nicht so schlimm, da sie merkte, dass ihr Schreiben viel mehr lag. „Wenn man beim Fernsehen arbeitet, muss man extrem schnell reagieren. Ich bin eher langsam und genau“, erzählt meine Gesprächspartnerin, die immer alles perfekt machen möchte.
Während sie sich nun wieder auf ihr Studium konzentrierte, arbeitete sie nebenbei in einer Buchhandlung – ein Traum für die Leseratte, die nun alle Bücher mit 30 Prozent Rabatt kaufen konnte.
Ihr Studium beschreibt sie als wenig zielorientiert und dem Lustprinzip folgend. Zuweilen vertiefte sie sich mit grosser Leidenschaft in die Materie und betrieb einen übertriebenen Aufwand für Seminararbeiten, dann nahmen ihre ausseruniversitären Aktivitäten wieder überhand und der Studienstoff blieb monate- bis jahrelang liegen. Im Nachhinein meint sie, dass sie bei Beginn noch nicht reif fürs Studium gewesen sei und vieles erst später begriffen habe. Ein Studium würde sie heute zielbewusster angehen und schneller abschliessen.
Erst als sich mit der Lizenziatsarbeit der Studienabschluss näherte, begann sie sich ernsthaft mit ihrer beruflichen Zukunft auseinanderzusetzen. Der Traum vom Theater kam wieder auf. Diesmal wollte sie es aber hinter der Bühne versuchen: Als unbezahlte Hospitantin bei „Hotel Angst“, Christoph Marthalers Debüt als Zürcher Schauspielhaus-Direktor, - eine spannende, aber sehr anstrengende und manchmal auch frustrierende Arbeit. Sie zeichnete Proben auf, fügte Texte zusammen, füllte den Kühlschrank für die Schauspieler mit Bier und arbeitete oft bis um zwei Uhr nachts. Bei der Premiere weinte sie vor lauter Erschöpfung. Nach zwei weiteren Jahren Regie- und Dramaturgieassistenzen, bei denen sie mehr schlecht als recht verdiente, entschloss sie sich, ihr Studium endlich abzuschliessen. Danach stand Nicole vor der Entscheidung, ob ihre Zukunft das Theater sei oder nicht. Sie stellte fest, dass Ihre Leidenschaft für den Beruf nicht gross genug war, um langfristig die damit zusammenhängenden Opfer und Unsicherheiten in Kauf zu nehmen. So nahm sie eine Teilzeitstelle an der ETH an, wo sie zunächst ein Buch über Zukunftsvisionen der ETH herausgab, dann immer mehr Aufgaben im Zusammenhang mit dem Jubiläum 150 Jahre ETH Zürich übernahm und zum ersten Mal im Bereich der Kommunikation und des Fundraisings arbeitete.
Daneben blieb sie der Kunst treu und arbeitete teilzeitig im neu eröffneten Dada-Kulturzentrum Cabaret Voltaire als Medienverantwortliche und Mädchen für alles. „Das Dadahaus zog ziemlich irre Gestalten an“, erinnert sich Nicole, „einmal hat ein Besucher eine Ausstellung nackt besucht.“
Heute arbeitet Nicole bei der Schweizerischen Studienstiftung, eine Stiftung, welche besonders talentierte und engagierte Studierende fördert. Ihre Arbeit beschreibt sie als sehr abwechslungsreich. Nicole ist für die Öffentlichkeitsarbeit und die Mittelbeschaffung der Studienstiftung verantwortlich, schreibt unter anderem Gesuche an andere Stiftungen, Jahresberichte, Flyer und Newsletter. Im Moment macht ihr die Arbeit Spass, grundsätzlich möchte Nicole jedoch beruflich nicht stehen bleiben und hat immer ein Auge darauf, wie sie sich weiterbilden könnte.
Bettina Peterli, 4Md, Kantonsschule Kreuzlingen.
Der Publizierte Text steht auch als .pdf zum downloaden zu Verfügung
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